Über Hass im Netz – und was man dagegen machen kann

Forum Über Hass im Netz – und was man dagegen machen kann

Dieses Thema enthält 0 Antworten und 1 Teilnehmer. Es wurde zuletzt aktualisiert von  Cecilia Mussini vor 3 Wochen, 6 Tage.

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    Cecilia Mussini
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    Eine meiner schönsten Erfahrungen in der politischen Kommunikation war die Wahlkampagne von Angela Schirò, einer italienischen Politikerin, die in Deutschland geboren und aufgewachsen ist.
    Angela kandidierte für die politische Wahl dieses Jahres im Wahlkreis Europa – Ja, wir Italiener_innen im Ausland wählen unsere eigenen Abgeordneten im italienischen Parlament.

    Ihre Kandidatur war “typisch Underdog”: wenig Geld, keine große Bekanntheit, nicht so viele Verbindungen. Und das in einer sehr kurzen Wahlkampagne (ungefähr 2 Monate) und bei einer Wahl, wo die Wähler_innen die Nachnamen der Kandidat_innen auf dem Wahlzettel selbst schreiben sollten.

    Und doch wurde Angela gewählt und sitzt jetzt im italienischen Parlament. Mehr als 11.000 Leute schrieben “Schirò” auf dem Wahlzettel – die zweitgrößte Zahl für die Abgeordnetenkammer bei dieser Runde.

    Die Zutaten ihres Erfolges waren viele und sehr unterschiedlich:

    • Ihr Profil: Tochter von italienischen Gastarbeitern, in Deutschland geboren (musste aber mit 16 ein Aufenthaltserlaubnis für das Land beantragen, in dem sie geboren wurde), Lehrerin in einem beruflichen Gymnasium in Pforzheim.
    • Ihre Hauptvorschläge: Mehr Unterstützung für italienische Familien und Schulkinder im Ausland, Kampf gegen Schwarzarbeit, insbesondere in der Gastronomie (soooo viele Italiener der letzten Migrationswelle werden in Deutschland in Restaurants u.ä. ausgenutzt), Durchsetzung von einem Ius-Soli-Gesetz in Italien.
    • Ihr Stil: einfach, empathisch, generationenübergreifend.

    Wie versuchten wir, diese ganz konkrete Person auf Facebook darzustellen?

    Das wichtigste Instrument, was wir erarbeiteten, war ganz, ganz einfach.

    Nach einer fleißigen Arbeit an der Targetbestimmung entschieden wir uns dazu, jeden einzelnen Kommentar zu beantworten, der auf ihre Seite gepostet wurde. Nur die krassesten Aussagen wurden gelöscht – allen anderen würde geantwortet.

    So passierte, dass ein Mann eine harte Kritik äußerte – dass er sich aber, gleich darauf angesprochen, sich entschuldigte, weil er kein gutes Italienisch schreiben konnte. Angela antwortete dann, dass das gar kein Problem sei: Sie kennt ja die Lage selber. Daraufhin fing der Mann an, seine eigene Geschichte zu erzählen – als Kind eines Minenarbeiters, der beinahe bei einem historischen Grubenunglück umgekommen wäre.

    Ein anderes Mal hatte ein Post sehr viele Hasskommentare angezogen – Leute, die Angela nicht gekannt haben und ihr gesagt haben, dass sie fleischig sei, weil sie von ihrer Partei gut ernährt wurde, oder Leute, die einfach behaupteten, sie sei privilegiert, reich und diebisch, da sie Politik machte.

    Angela antwortete allen mit enormer Ruhe und Geduld. Sie sträubte sich dezidiert gegen Beleidigungen und Pöbeleien und erklärte mehrmals, dass sie Tochter eines Werksarbeiters sei und dass sie von ihrer Partei gar keinen Cent bekam, da sie verbeamtete Lehrerin ist (Ihre Wahlkampagne war natürlich eigenfinanziert). Ein unbekannter Mann schrieb daraufhin, dass sie ihn an seine eigene Tochter erinnerte: Auch sie hatte studiert und er war auf sie sehr, sehr stolz. Er schrieb hinzu, dass er sehr beeindruckt von Angelas Ruhe in den Antworten war, was seiner Meinung nach ein Zeichen von Intelligenz sei. In ähnlichen Threads kamen unbekannte Männer und Frauen hinzu, die Angela aufmunterten: Sie solle sich nicht von diesen frechen Kommentaren aus der Ruhe bringen, sie solle so weitermachen. Sogar Anhänger_innen von anderen Parteien äußerten sich gegen die an Angela gerichtete Beschimpfungen: Ich vertrete eine andere Meinung, meinten einige, verstehe aber nicht, warum so viele Leute pöbeln. Einige Leute, die einen hassvollen Kommentar geschrieben hatten, entschuldigten sich, als sie wahrnahmen, dass Angela in Fleisch und Blut existierte, antwortete und ein ganz normaler Mensch war.

    Ich könnte sehr viele Anekdoten dieser Art erzählen. Einige Bekannten kommentierten offline, dass sie die Kampagne still mitgelesen hatten und von Angelas Kraft und Ruhe beeindruckt waren. Einige von ihnen entschieden sich gerade aus diesem Grund, ihren Namen auf dem Wahlzettel zu schreiben.

    Wenn man mit unbekannten in den sozialen Medien kommuniziert – zum Beispiel in größeren Gruppen oder in den Kommentaren zu den Posts von Politiker_innen – kommt man oft an die eigenen Grenzen. Alles geht sehr hart zu und man weiß nicht genau, was man machen soll.

    Aber was sagen uns die Anekdoten aus Angelas Kampagne im Bezug auf Social-Media-Kommunikation?

    • In Zeiten von Hassrede, Trolls und Polarisierung ist Empathie entscheidend. All diejenigen, die ihre Kommentare in den sozialen Medien lassen, haben grundsätzlich Lust, wahrgenommen und gehört zu werden. Empathisch zu antworten ist natürlich besonders wichtig für Politiker_innen, kann aber für jede_n relevant sein, die/der auch online politisch aktiv sein möchte.
    • Persönliche Geschichten online zu erzählen mag nicht jede_r. Aber es kann eben dazu dienen, dass man als Mensch wahrgenommen wird – und nicht als Fremde, der nur “theoretisch” existiert. Und es ist schwieriger, einen realen Menschen als eine fast fiktive Figur anzupöbeln. (Nein, es ist nicht unmöglich: es gibt Trolls und auch reale Menschen, die damit kein Problem haben, einen Menschen zu beschimpfen. Aber in ganz vielen Fällen traut man sich das eben nicht).
    • Beschimpfungen zu akzeptieren ist definitiv keine gute Sache. Mit Ruhe sollte man immer klar machen, dass man nett ist, nicht aber alles annimmt. Die Konversationsregeln müssen klar sein: Ich biete Respekt, verlange Respekt.
    • Oft denkt man, dass eine Konversation auf Facebook oder Twitter nur die wenigen Menschen betrifft, die aktiv daran teilnehmen. Es ist natürlich nicht so! Man hat immer – auch auf der eigenen, kleinen, privaten Seite – stille Leser_innen, die sich anhand von dem, was sie lesen, sich Ideen und Eindrücke verschaffen. Ganz viele lesen mit und trauen sich schlichtweg nicht, mitzumachen. Aber ihre Meinung zählt nicht weniger: Sie mag sogar mehr zählen, gerade wenn es um politische Inhalte geht, über die nicht jede_r eine feste Meinung hat – man liest möglicherweise auch, um sich eine Meinung zu verschaffen – und über die man nicht gleich losdiskutieren möchte.

    Diskutieren Sie oft mit Unbekannten in den Sozialen Medien? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Und wie reagieren Sie auf Hasskommentare?

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