Was die Struktur der Texte über deren Inhalt verrät: Othering und Argumentation

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Dieses Thema enthält 0 Antworten und 1 Teilnehmer. Es wurde zuletzt aktualisiert von  Cecilia Mussini vor 1 Monat.

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    Cecilia Mussini
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    Wichtig! Dieser Beitrag enthält Links zu rassistischen Inhalten. Ziel des Beitrages ist es, die Strategien von Hassrede besser zu durchschauen, um sich besser dagegen wehren zu können.

    Als Beispiel für Texte, die in ihrer argumentativen Struktur ein Othering-Prozess durchziehen, habe ich einen Post von Italiens Innenminister Matteo Salvini gewählt.
    Hier der Text auf Deutsch:

    Will der Bürgermeister von Lodi überprüfen, dass all diejenigen, die es tun müssen, die Beiträge für die Schulmensa ihrer Kinder tatsächlich zahlen? [Sie] HAT RECHT!!!
    Schluss mit den Schlaumeiern, wenn es Leute gibt, die in ihrem Land Häuser, Landstücke und Geld haben, warum sollten wir ihnen Dienstleistungen umsonst gewähren, während die Italiener alles zahlen?
    Wie viele Einwanderer beziehen eine Sozialwohnung, obwohl sie in ihrem Land Häuser besitzen? Wie viele beziehen Abgaben und Renten und lassen es sich in ihrem Land gut gehen?
    Es ist Schluss, der Spaß ist vorbei.
    Es ist kein Rassismus, es ist nur GERECHTIGKEIT und gesunder Menschenverstand.

    Bevor es zur Analyse weitergeht, braucht es eine kurze Zusammenfassung des Kontextes. Die Bürgermeisterin der Stadt Lodi (Ja, eine Frau, die aber Salvini als “Bürgermeister” bezeichnet) schaffte eine “Anti-Schlaumeier-Norm”, nach der Migrantenfamilien nicht nur – wie alle anderen – eine Selbsterklärung zur finanziellen Lage der Familie abgeben müssen, um mögliche Preisreduktionen für Schulmensa und Schulbus zu beantragen, sondern auch nur sehr schwer erhältliche Originaldokumente vorlegen müssen, die bezeugen sollen, dass sie in ihrem Heimatland weder Geld noch Landstücke noch Häuser besitzen. Ohne das Vorliegen dieser Dokumente – die aber für die allermeisten Migranten so gut wie unmöglich zu bekommen sind – sollen Familien für jedes Kind den höchsten Tarif für Mensa u.ä. bezahlen. Für viele entstehen dadurch viel zu hohe Kosten: Viele Migrantenkinder müssen also mitgebrachte Sandwiches essen, die sie aus hygienischen Gründen nicht im selben Raum wie ihre italienische Schulfreunde essen dürfen.

    Soviel zum (traurigen) Kontext. Und nun zur Argumentationsstruktur:

    • Der Post von Salvini spielt mit der Gegenüberstellung wir/Italiener vs. sie/Einwanderer, wie die Betonung auf Personalpronomina zeigt. “Sie” sind “Schlaumeier”, besitzen in “ihrem Land” Güter und Häuser, lassen es sich in “ihrem Land” gut gehen. “Wir Italiener” hingegen zahlen “alles”.
    • Wie oft der Fall ist, ist die Argumentation in einer deskriptiven und einer erklärenden Ebene unterteilt. Der Post beschreibt erstmal eine (als indiskutabel dargestellte) Tatsache: es gibt Leute, die “in ihrem Land Häuser, Landstücke und Geld haben”; die “eine Sozialwohnung [beziehen], obwohl sie in ihrem Land Häuser besitzen”; die “Abgaben und Renten [beziehen] und es sich in ihrem Land gut gehen [lassen]”. Bis auf das am Anfang verwendete “wenn”, das die Sicherheit der Indikativformen sehr leicht ins Schwanken bringt, geht es hier eben nur um Tatsachenbeschreibung. Diese Leute sind einfach so. Sie sind Schlaumeier, sie besitzen Güter, sie lassen es sich gut gehen. Warum das für uns ein Problem sein kann, das erklärt eine rhetorische Frage (“Warum sollten wir ihnen Dienstleistungen umsonst gewähren, während die Italiener alles zahlen?”), wodurch Salvini explizit sagt, warum wir die Lage nicht akzeptieren dürfen. “Wir Italiener” zahlen alles, sozusagen bis auf den letzten Cent (da haben wir wieder eine Beschreibung, diesmal positiv und auf die Eigengruppe bezogen). Es ist also ungerecht, dass “sie” nicht zahlen (der Bezug auf die Gerechtigkeit wird noch deutlicher durch die Großbuchstaben bei “FA BENE!!!” – “HAT RECHT” – und “GIUSTIZIA” – “GERECHTIGKEIT”, am Anfang und am Ende des Posts).
    • Die negativen Merkmale der Gruppe “der anderen” werden von Parolen untermauert, die wiederum Bezug auf Salvinis Rhetorik nehmen: “La pacchia è finita” (Der Spaß ist vorbei) ist ein wiederkehrendes Slogan, das Salvini in der ganzen Wahlkampagne benutzt hat.

    Und jetzt eine kleine Übung für Sie.

    Suchen Sie Online-Posts, die eine ähnliche Argumentationsstruktur aufweisen und überlegen Sie sich, wie man dagegen argumentieren könnte. Diskutieren Sie darüber hier im Forum!

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